Wissen versus Erkenntnis im systemischen Kontext – ein Beispiel

Heute möchte ich von dem Unterschied zwischen Verstehen und Erkenntnis im systemischen Kontext berichten.

Mein Coachee war eine Frau und Mutter. Ich fragte sie, worum es ging. Sie erzählte mir, dass es um ein Schulthema geht. Konkret um den Übertritt ihres Kindes auf die weiterführende Schule.

Sie und ihr Mann waren sich immer einig, dass die Kinder, vorausgesetzt sie bringen die Leistung von sich aus – also ohne elternlicher Lernstress – , ein Gymnasium besuchen sollten.

Ihre Tochter ist in der 4. Klasse und bringt gute Noten nach Hause. Es lief. So, dass sich der Coachee sagte, prima meine Tochter wird es schaffen, auf das Gymnasium zu gehen. Sie sagte: „Wir wollen ihr die Möglichkeit mit dem Gymnasium so spät wie möglich eröffnen, damit sie zum einen keinen Lernstress entwickelt und zum anderen sich nicht zu sehr ängstigt, ihre Freudinnen schulisch zu verlassen.“ Sie erzählte, dass sie mit anderen Eltern über schulische Möglichkeiten unterhielt. Es gab Elternstimmen, die rieten nicht mit den Lehrern zu sprechen, weil sie vermuteten, dass es Lehrer gibt, die eher die schlechteren Zensuren geben, bevor sie aufgrund des zahlreichen Weggangs eine neue Klasse riskieren…

Alles war getan, der Plan war, die Weihnachtsferien zu nutzen, um über den geplanten Übertritt zu sprechen und sich dann im Januar mögliche Gymnasien anzusehen.

Dann kam aber Anfang Dezember eine Mail vom Lehrer, mit der Bitte, dass die Eltern, die beabsichtigen, ihre Kinder aufs Gymnasium zu schicken, sich bei ihm melden sollten.

Mein Coachee sagte mir, dass diese Mail was in ihr auslöste – es war für sie ein großer Schreck. Sie spürte einen innerlichen Druck, sofort eine Entscheidung zu treffen. Dazu war sie noch nicht bereit. Ich fragte, was der Druck mit ihr macht. Sie erzählte, dass ihre Gedanken sich kreisen. Sie fühle sich eingeengt. Und das, obwohl sie intellektuell weiß, dass ihr Verhalten albern sei. Alle in ihrem Umfeld sagen, mach` dir doch keinen Stress. Sie sagt, mir, dass würde ich auch zu anderen sagen, aber wenn ich es zu mir sage, hilft es mir nicht.

Mir fiel ihre sehr starke Assoziation mit ihrem Problem auf. Ich entschied mich mit Bodenankern zu arbeiten. Versuchte mit Fragetechniken und unterschiedlichen Perspektiven, sie zu dissoziieren. Es klappte. Sie stand plötzlich strahlend da. Alles in ihr straffte sich, man konnte es sehen. Sie sagte: „Mensch. Das ist doch alles kein Drama! Das ist doch nur eine Mail, das heißt noch gar nichts. Wir machen das so wie wir denken und entscheiden dann, ob unsere Tochter die Schule wechseln wird, wenn wir mit ihr gesprochen haben und sie die möglichen Schulen sich angesehen hat. Ich kann dem Lehrer jetzt nur eine `vielleicht` geben, dass muss ihm jetzt erstmal reichen.“

Sie war total entspannt. Ich fragte, wie geht es dir jetzt. Was macht das Druckgefühl? Sie sagte, es ist weg. Kein Druck mehr da. Dafür kam eine Graustufe hinzu, es gibt nicht immer nur schwarz weiß. Und jetzt weiß ich es nicht nur intellektuell, sondern habe es am eigenen Körper gespürt.

 

…Was für den einen klar ist, ist nicht automatisch für den anderen klar. Und was für den einen die Lösung bedeutet, kann bei dem anderen auch so sein, muss aber nicht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.